Grohe Objektreportagen
Grohe Objekt 31
Architektur-Lösungen: KITA

+E KITA, MARBURG

Im Sinne eines Pavillons im Park bezieht sich der Entwurf in vielfacher Hinsicht auf die umgebende Landschaft. Die umlaufend raumhohen Fenster erlauben einen unverstellten Blick auf den Park und spiegeln, genauso wie die Module, die Landschaft wider und lassen Innen- und Außenraum ineinanderfließen.

Das Darmstädter Büro opus Architekten für Architektur, Städtebau und Innenarchitektur setzt sich über die Einzeldisziplinen hinaus mit den Gestaltungsregeln von Umwelt sowie Design und Kunst auseinander. Die Bedeutung für eine funktionierende Gesellschaft sowie das Wohlbefinden des Individuums werden mit jedem Entwurf thematisiert. Die künstlerische. Auseinandersetzung mit der Umwelt dient dabei einem schärferen Blick auf die Dinge. Opus arbeitet eng mit verschiedenen anderen Disziplinen und Ingenieuren zusammen, um auf diese Weise optimale Ergebnisse zu erreichen und eigenständigen, manchmal unerwarteten Lösungen eine Chance zu geben. Seit der Gründung durch Anke Mensing und Andreas Sedler im Jahr 1989 hat das Büro zahlreiche Bauten für das Sozial- und Bildungswesen, Industrie, Verwaltung, Kultur und Wohnen bis hin zu Sanierungen und Umbauten im denkmalgeschützten Kontext umgesetzt.

Fotos: Michael Hudler

Der Ortsbezug, die Nutzung als Kindertagesstätte und der Plusenergiestandard – der Neubau im Marburger Vitos-Areal hatte viele Anforderungen zu erfüllen. Entstanden ist ein markant gefaltetes Gebäude mit einzigartiger integrierter Solarfassade. Die Arbeit von opus Architekten und ee concept gilt als Pilotprojekt, da erstmalig der nur für Wohngebäude vorliegende Standard  Effizienzhaus Plus für eine Kita adaptiert wurde. Entsprechend hoch fiel die Aufmerksamkeit aus: Der Nominierung für den DGNB-Preis 2016 folgte die Auszeichnung mit dem Heinze Architekten-Award 2017.


Das heute denkmalgeschützte Vitos-Areal wurde im 19. Jahrhundert als Landschaftspark mit eingebundener psychiatrischer Klinik angelegt, deren Gebäude im reformerischen Kolonial- und Pavillonstil gestaltet wurden. Im Zuge von Umstrukturierungen der Klinik wurde das Grundstück am nördlichen Rand an die Stadt Marburg verkauft. Die Stadt Marburg beabsichtigte, die Fläche für den Neubau einer Kita in der Cappeler Straße zu nutzen, und formulierte von Beginn an das Ziel, ein Gebäude zu schaffen, welches mehr Energie erzeugt, als es verbraucht. Für das Pilotprojekt einer Plusenergie-Kita lud die Stadt dann mehrere Büros zu Vorgesprächen und einer Konzeptvorstellung ein. Bereits im ersten Termin erschienen opus Architekten und die Energieplaner von ee concept gemeinsam und überzeugten mit ihrem Konzept, das aufgrund des Standorts an einer auffälligen Lichtung auf Fotovoltaik als zentralen Energieträger setzte.

Für Andreas Sedler von opus Architekten ist das frühe integrative Arbeiten Standard: „Wir planen am liebsten in erprobten Teams wie mit ee concept. Aber ganz generell ist es für das  Ergebnis entscheidend, sich früh das Know-how anderer Disziplinen ins Team zu holen. Die Aufgaben sind so komplex, dass die Auseinandersetzung nicht aufgeschoben werden darf.“ Gemeinsam mit ee concept und der Stadt wurden drei Konzepte ausgearbeitet. Die Entscheidung fiel zugunsten eines kompakten zweigeschossigen Gebäudekorpus, dessen Höhe sich  positiv auf den Sonneneintrag auswirken würde, denn es war bereits klar, dass die Sonnenenergie für den angestrebten energetischen Standard des Gebäudes herangezogen werden  sollte. Zudem sollte der Bau am Hang platziert werden, sodass er auf beiden Geschossen ebenerdig zugänglich ist. Dies ermöglicht den Kindern aus allen Räumen den direkten Zutritt ins  Freie und bietet zudem mit zwei Fluchtwegen eine brandschutztechnisch günstige Lösung.

Objekt  I +e Kita (Plusenergie-/Solar-Kindertagesstätte), Marburg; Bauherr  I Magistrat der Universitätsstadt Marburg, vertreten durch Fachdienst Hochbau; Projektsteuerung  I SEG ; Marburg/Uta Brämer; Architekten und Innenarchitekten  I  opus Architekten BDA, Prof. Anke Mensing, Andreas Sedler; Mitarbeiter  I Kristin Egermann, Uwe Kühn, Jessica Mazur, Tina Ritter; Energiekonzept  I ee concept, Darmstadt; BGF  I  ca. 1.100 m²; Gebäudevolumen  I  ca. 4.200 m³; Kosten  I  5,5 Mio. Euro brutto (KG 100 bis 700) ; Baubeginn  I  2012; Fertigstellung  I  Dezember 2014; GROHE-Produkte  I  Waschtischarmatur Eurostyle Cosmopolitan, Küchenarmatur Essence

Grundriss EG, M 1 : 500

1 Mehrzweckraum
2 Büro
3 Lager
4 Gruppe 1
5 Gruppe 2
6 Spielflur
7 Hauswirtschaftsraum
8 Lager Küche
9 Küche
10 Hof
11 Personalraum
12 Technik
13 Müllraum
14 Krippenwagen

Im Sinne eines Pavillons im Park bezieht sich der Entwurf in vielfacher Hinsicht auf die umgebende Landschaft. Die umlaufend raumhohen Fenster erlauben einen unverstellten Blick auf den Park und spiegeln, genauso wie die Module, die Landschaft wider und lassen Innen- und Außenraum ineinanderfließen.

Entwurf

Die leitenden Parameter in der Entwurfsphase waren der Bezug zum denkmalgeschützten Vitos-Areal, die Nutzung als Kita sowie der Plusenergiestandard. Von Beginn an stand fest, dass die Eigenschaften des geschichtsträchtigen Standorts in den Entwurf mit einfließen sollten. Im Sinne eines Pavillons im Park bezieht sich der Entwurf in vielfacher Hinsicht auf die umgebende Landschaft. Die umlaufend raumhohen Fenster erlauben einen unverstellten Blick auf den Park und spiegeln, genauso wie die Module, die Landschaft wider und lassen Innen- und Außenraum ineinanderfließen. Das Gebäude ordnet sich in das vorhandene orthogonale städtebauliche System ein und hält ausreichend Abstand zur historischen Bebauung, insbesondere zur Kapelle. Um den Plusenergiestandard zu erreichen, wurden die Dachflächen und die südwestliche Fassade im Obergeschoss aktiv für Fotovoltaik herangezogen. Die Solarmodule wurden dabei nicht wie herkömmlich additiv aufgesetzt, sondern als gestaltbildender Teil der Gebäudehülle verwendet. Während des Entwurfsprozesses stellten die Architekten und Energieplaner fest, dass sich die Ausrichtung der Solarmodule mit einem „ziehharmonikaartigen Bauvolumen“ in Dach und Südwestfassade optimieren und die solaraktive Oberfläche vergrößern lassen würde. So entstand das charakteristische Faltwerk des Baukörpers, das nicht nur das Erscheinungsbild bereichert, sondern auch eine differenzierte Innenraumgestaltung und -wahrnehmung ermöglichte. Die FV-Module wurden von der österreichischen Firma ertex solartechnik GmbH speziell für das Projekt angefertigt. In Abstimmung mit der Denkmalpflege fiel die Wahl auf eine schwarze, glänzende und stark reflektierende Ausführung, die die umgebende Natur spiegelt und das Gebäude dadurch mit der Parklandschaft zusätzlich verschmilzt.

Während des Entwurfsprozesses stellten die Architekten und Energieplaner fest, dass sich die Ausrichtung der Solarmodule mit einem „ziehharmonikaartigen Bauvolumen“ in Dach und Südwestfassade optimieren und die solaraktive Oberfläche vergrößern assen würde. So entstand das charakteristische Faltwerk des Baukörpers, das nicht nur das Erscheinungsbild bereichert, sondern auch eine differenzierte Innenraumgestaltung und -wahrnehmung ermöglichte.

Fotos: Eibe Sönnecken

Nutzungszweck

Gleichermaßen wichtig für die Ausgestaltung des Gebäudes war der Anspruch, eine anregende, lebensfrohe Umgebung für Kinder zu schaffen, die ihre Funktion als Kita voll erfüllt. Anke Mensing, Innenarchitektin und Gesellschafterin von opus Architekten, entwarf ein Gesamtkonzept für die Innenräume, das sich ebenfalls stark an der Charakteristik des Landschaftsparks orientiert. Die Räume und Möbel wurden in Anlehnung an die grüne, dicht mit Bäumen besiedelte Umgebung aus Fichte-Dreischichtplatten gefertigt und in einer variierenden Palette von Grüntönen beschichtet.

Insgesamt wurde in Entwurf und Planung auf erhöhte Kindgerechtigkeit geachtet. So weist die Gebäudehülle über allen Gruppenräumen Auskragungen auf und verschattet sich hier selbst. Wichtiger jedoch ist, dass der horizontal ausfahrende außenliegende Sonnenschutz auf der Westseite und der vertikale Sonnenschutz auf der Südseite für die Kinder einen Außenraumbezug herstellen und an der Fassade liegende, verschattete Spielbereiche entstehen.

Energiekonzept

Das Ziel eines prototypischen, hocheffizienten Baus war von Anbeginn der Planung relevant – im Planungsverlauf konkretisierte sich diese Vorstellung so weit, dass der eigentlich für Wohngebäude entwickelte Standard Effizienzhaus Plus nach der Definition des Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung für die Kindertagesstätte adaptiert wurde. Der Standard berücksichtigt neben den Energiebedarfen für den Gebäudebetrieb nach DIN 18599 (Heizen, Kühlen, Lüften, Warmwasser, Beleuchtung) auch den Energiebedarf der Nutzung und strebt eine positive Energiebilanz für die End- als auch die Primärenergie des Gebäudes über das Jahr an.Um einen solch hohen energetischen Standard erreichen zu können, mussten im Entwurf zunächst die Energiebedarfe gesenkt werden. Für die grundlegende Senkung des Energiebedarfs wurde schon im Entwurf auf einen kompakten Baukörper und eine optimierte Orientierung der transparenten Flächen geachtet.

Die schon stark reduzierten Energiebedarfe im Gebäude werden über eine für das hohe energetische Ziel eher einfache Gebäudetechnik bereitgestellt, die eine hohe Behaglichkeit ermöglicht. Die zentrale Lüftung ist mit einer hocheffizienten Wärmerückgewinnung ausgestattet. Die Wärmeübergabe erfolgt über eine Fußbodenheizung, sodass auch bei kleinen Kindern keine erhöhte Auskühlung zu befürchten ist. Die Wärmeerzeugung erfolgt über zwei Wärmepumpen, eine kleine für Warmwasser und eine größere für die Heizung, wobei Letztere im Sommer komplett ausgeschaltet wird.

In Anlehnung an die grüne, dicht mit Bäumen besiedelte Parklandschaft wurden die Räume und Möbel aus Fichte-Dreischichtplatten gefertigt und in einer variierenden Palette von Grüntönen beschichtet.

»Neben der sorgfältigen architektonischen Bearbeitung bis zu den Details der Innenarchitektur liegen in der schwierigen Integration dieser technischen Elemente und der damit verbundenen komplexen Haustechnik die besonderen Leistungen der Architekten dieses wundervollen Kindergartens.«
Aus der Jurybegründung des Heinze Architekten-Awards