Grohe Objektreportagen
Grohe Objekt Spezial 13
Architekturlösungen im Wohnungsbau

Interviews

 

HARALD WENNEMAR / Living Circle, Düsseldorf

Als das derzeit größte Umnutzungsprojekt in Deutschland findet das Living Circle in Düsseldorf viel Aufmerksamkeit, gekrönt durch die Auszeichnung mit dem Deutschen Bauherrenpreis 2018 und dem Immobilien-Award in der Kategorie Projektentwicklung Bestand 2017. Umnutzung allein ist in der Immobilienbranche schon eine Schlagzeile wert – in diesem Fall galt es darüber hinaus, die komplexen Kreisgeometrien des Bestands zu bewältigen. Der erfolgreiche Umbau des früheren Bürogebäudes Thyssen Trade Centre zum neuen Wohnquartier ist auch das Ergebnis einer besonders guten Abstimmung zwischen Projektentwicklern, Investoren und Architekten. Nach vier Jahren Leerstand sind durch den Projektentwickler und Bauherrn BAUWERT AG auf einer Grundstücksfläche von 21.500 Quadratmetern 340 neue „bezahlbare“ Wohnungen, eine dreizügige Kita und eine Einzelhandelsfläche entstanden.
Ein Gespräch mit dem Architekten Harald Wennemar.

Das Büro Konrath und Wennemar Architekten und Ingenieure engagiert sich in verschiedenen Bereichen von Architektur und Städtebau. Im engen Dialog mit den Bauherren entstehen ganzheitlich gedachte Konzepte, die mit dem Planungsteam zur baureifen Lösung weiterentwickelt werden. Das gebaute Ergebnis hat seine Wurzeln somit nicht allein im formalen Ausdruck, sondern ist vielmehr das Produkt eines vielschichtigen und dennoch transparenten Prozesses. Nur so kann Architektur ihrer baukulturellen Verantwortung gerecht werden gegenüber ihrem Nutzer, ihrem Umfeld und besonders dem Mittelpunkt aller Überlegungen – dem Menschen.

Anfangs war keineswegs klar, dass der Bestand erhalten wird. Ein Abriss schien zunächst die naheliegende Lösung. Was gab schließlich den Ausschlag zum Umbau?
Ja, am Anfang ging die Tendenz eher zum Abriss. Ein Neubau wäre nicht teurer gewesen und hätte von den Herausforderungen der Kreisformen befreit. Und das Nachhaltigkeits-Argument – die bereits aufgebrachten Energien und Materialien nicht schon nach 20 Jahren zu vernichten – ist in der Praxis leider nicht  ausschlaggebend.
Es sprach aber auch einiges dafür, das Gebäude zu erhalten. Im Projektteam entwickelte sich immer stärker die Idee, den Bestand mit seiner ungewöhnlichen Geometrie zu bewahren. Dafür sprach vor allem das Potenzial für ein besonderes Wohngefühl – wir haben in den geschwungenen Gebäuden eine begehbare Wohn-Skulptur gesehen. Schön ist auch, dass die Kreisformen geschützte Außenbereiche entstehen lassen. Mieter haben uns mittlerweile bestätigt, dass sie sich von diesen speziellen Formen, wo nicht alles rechtwinklig ist, angezogen gefühlt haben. Nicht jeder sucht schließlich den Standard-Grundriss von Neubauten.
Auch der Zeitfaktor war ein großes Pro – ein Umbau mit einem klaren kompakten Weg zum fertigen Wohnobjekt war sehr attraktiv für die Investoren und Vermarkter. Hinzu kam das Argument der Dichte: Ob ein Neubau die gleiche Dichte hätte erreichen können, war unklar. Bei einem Bestandsobjekt entfällt diese Frage komplett.

Ist das ein pauschales Plädoyer für die Umwidmung von Bestand?
Klares Nein, allgemein lässt sich das nicht beurteilen.
Jeder Eigentümer, Projektentwickler und Architekt muss sich in jedem einzelnen Projekt erneut mit der Frage auseinandersetzen, ob der Bestand Potenzial für einen spannenden Wohnbau bietet oder am Ende nur ein überall spürbarer Kompromiss stehen würde. Es geht darum, eine tragfähige Vision für attraktiven Wohnraum zu entwickeln und diese allen Beteiligten zu vermitteln. Aber gleichzeitig muss man auch feststellen, dass die Möglichkeiten der Umwidmung noch zu wenig ausgeschöpft werden. Besonders in den größeren Dimensionen und in gewachsenen Lagen. Die sogenannten Big Six in Deutschland sollten die Umnutzung auf jeden Fall parallel zum Neubau weiterverfolgen. Der politische Wille zur Umnutzung und auch Nachverdichtung muss aber klar artikuliert werden und sich in vereinfachten  Genehmigungsverfahren auswirken. Für die Umnutzung des Thyssen Trade Centres war z. B. eine Änderung des Planungsrechts notwendig. Der Bebauungsplan wurde im beschleunigten Verfahren gem. § 13a BauGB geändert. Da es sich um ein Leuchtturmprojekt des preisgedämpften Wohnungsbaus für Düsseldorf handelt, hat es in diesem Fall nicht am politischen Willen gemangelt.
Die BAUWERT ist jedenfalls mit dem Projekt so zufrieden, dass sie bundesweit auf der Suche nach ähnlichen Objekten ist.

Der Vorher-nachher-Vergleich. Durch den Rückbau von Sonderbereichen des Thyssen Trade Centres konnte viel Freifläche hinzugewonnen werden.

Wie kam es zu der Konstellation aus BAUWERT AG, Industria Wohnen und Ihnen?
Ursprünglich ist das Projekt mit einer Konzeptvergabe gestartet, einem Verfahren, in dem der Grundstückskauf konkurrierend mit anderen Investoren anhand des Konzeptes geprüft wurde. Erworben wurden Fläche und Gebäude dann 2014 durch die BAUWERT AG. Wir sind als planendes Büro aus dem Verfahren hervorgegangen. Die Industria Wohnen stand zu einem frühen Zeitpunkt bereits als Endinvestor fest, was dem Team in vielen Detailfragen die nötige Planungssicherheit verschafft hat.

Wo lagen die besonderen Herausforderungen in der Planung?
Die Neuplanung des Bestands war besonders spannend für uns. Zum einen mussten die Kreisgeometrien integriert werden. Sie machen die Besonderheit der Räume aus, gleichzeitig musste aber sichergestellt sein, dass es ausreichend rechte Winkel gibt, um z. B. den Einbau einer normalen Küche und anderer Möbel zu garantieren. Zum anderen mussten im Erdgeschoss Sonderbereiche, wie Mensa, IT- und Besprechungsräume, größtenteils rückgebaut werden, da sie aufgrund ihrer hohen Bautiefe nicht für Wohnzwecke geeignet waren. Der Footprint wurde um ca. 33 Prozent reduziert und dem Freiland zugeschlagen. So wurden Privatgärten für die EG-Wohnungen sowie halböffentliche Bereiche und Spielflächen möglich, was die Aufenthaltsqualität des Geländes deutlich erhöht.
In den Obergeschossen verfügen alle Wohnungen über mindestens einen, bei durchgestreckten Wohnungen sogar über zwei vorgehängte Balkone oder eine Dachterrasse. Die Balkontüren haben dabei für besonderen Aufwand gesorgt, da die Brüstungen der Gebäude statisch tragend sind.
Von Vorteil war, dass die Geschosshöhen und -tiefen des Bürogebäudes tauglich für das Wohnen waren. Wir mussten nur mehr Erschließungskerne integrieren. Auch für den Brandschutz bot der vergleichsweise junge Bestand eine gute Ausgangssituation.

Lohnen sich denn solche Umnutzungsprojekte?
Der Umbau von Bestandsgebäuden ist für einen Entwickler eine besondere Herausforderung, da man mit unerwarteten Risiken rechnen muss. Ein Konversionsprojekt bietet aber auch Chancen, kann man doch interessanten Objekten mit einer besonderen Bestandsarchitektur, die den heutigen Anforderungen von Mietern aber nicht mehr entsprechen, wieder zu neuem Leben verhelfen. Das Living Circle ist dafür geradezu beispielhaft, denn die halbrunde Gebäudestruktur bietet eine  außergewöhnlich interessante Möglichkeit, nicht alltägliche neue Wohnformen umzusetzen. Zudem hätte man bei einem Neubau an dieser Stelle nur eine geringere Ausnutzung erreichen können. Dies hatte der Bauherr BAUWERT auch sofort erkannt und heute kennt fast jeder in Düsseldorf dieses gelungene und bei Mietern stark nachgefragte Gebäude.

Für die Mieter sind nicht nur die – für Düsseldorfer Verhältnisse – erschwinglichen Mietpreise attraktiv, sondern auch die alternativen Grundrisse. Mit einer durchschnittlichen Größe von 80 m² sind die Wohnungen eher klein – was aber ermöglicht hat, besonders viele Wohnungen zu integrieren.

 

ANDREAS RAUCH / CABIN SPACEY, Berlin

Nach ungefähr dreieinhalb Jahren der Ideenfindung und Projektentwicklung war es im Juni 2018 so weit: Auf der Tech Open Air in Berlin wurde das erste Minimalhaus von CABIN SPACEY präsentiert – hergestellt im Werk des Allgäuer Holzbauers VARIAHOME Manufaktur. Für das Team um Andreas Rauch und Simon Becker steht nun der Schritt vom Start-up mit Crowdfunding-Finanzierung hin zum selbstfinanzierten Anbieter von Kleinsthäusern an. Langfristig streben die Gründer die Vermietung eigener Cabins an. Größte Hürde: die Akquirierung geeigneter Pachtflächen in der Großstadt.
Ein Gespräch mit Andreas Rauch über Produktentwicklung und Geschäftsmodelle.

Das Berliner Unternehmen CABIN SPACEY wurde im April 2016 von den beiden Architekten Simon Becker und Andreas Rauch gegründet – mittlerweile ist das Team auf sechs Personen angewachsen. CABIN SPACEY agiert nicht im Sinne eines klassischen Architekturbüros, sondern hat sich allein die Entwicklung und Vermarktung eines Minimalhauses („Cabin“) zum Ziel gesetzt. Der jungen Gründung ging eine weiter zurückreichende Phase von Konzeptionierung und Planung voraus. Simon Becker, der sich nach dem Architekturstudium an der HCU Hamburg und der TU Berlin intensiv mit Entrepreneurship, Marketing und Finance beschäftigte, fand mit Andreas Rauch einen bauerfahrenen Gründungspartner, der nach dem Diplom an der TU Berlin in verschiedenen Berliner Architekturbüros, unter anderem roedig.schop architekten, tätig war. Schon im Gründungsjahr wurden sie für ihr Minimalhaus mit dem smart urban pioneers award ausgezeichnet und führten eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne durch.

Welche Bilanz können Sie nach der Premiere ziehen?
Die Präsentation auf der TOA war ein voller Erfolg. Die Cabin ist sogar noch besser rübergekommen als erwartet. Ich kannte natürlich die Arbeit des Modulherstellers VARIAHOME – aber wirklich gesehen habe ich das Gebäude dann auch erst nach der Anlieferung auf dem TOA-Messegelände. Ich war regelrecht begeistert, unseren Entwurf in so hoher Qualität umgesetzt zu sehen.

Wie sehen nun Ihre Pläne und weiteren Schritte nach der Erstpräsentation aus?
Wir haben ca. 30 bis 50 direkte Anfragen zu den Minimalhäusern bekommen, die erst einmal gesichtet werden müssen. Hier sind auf jeden Fall schon Kaufinteressen vorhanden. Und es ist auch unsere Absicht, nun mit dem klassischen Verkauf und Vertrieb zu beginnen. Eigens dafür haben wir die flexible Ausstattung der  Minimalhäuser entwickelt, sodass jeder Käufer das Haus nach seinen Vorstellungen noch anpassen kann. Deutlich wurde auf der TOA aber auch, dass es gerade bei Immobiliengesellschaften ein hohes Interesse gibt, die in Berlin ehemalige Gewerbehöfe und ungenutzte Büroflächen zu vermieten haben. Diese Flächen sind für die  Startup-Szene sehr attraktiv und diese wiederum entspricht genau unserer Zielgruppe. Kurzfristig ist es natürlich unser Interesse, Minimalhäuser zu verkaufen, um Eigenkapital aufbauen zu können. Langfristig streben wir aber nach einemanderen Geschäftsmodell: Wir möchten gerne im Besitz der fertiggestellten Minimalhäuser bleiben und sie über eine eigene Plattform vermieten – „ortsunabhängiges Wohnen“ oder „Wohnen als Service“ sind da die treffendsten Stichwörter. Für diese Häuser brauchen wir Flächen, die wir pachten können, und daher ist die Kooperation mit Immobiliengesellschaften sehr wichtig für uns. Im Sinne dieses langfristigen Ziels möchten wir in Serienproduktion gehen, um günstiger und schneller zu werden. Architektur also nicht nur verstanden als individuelle Dienstleistung, sondern als Produkt.

Wohnen auf 25 Quadratmetern: Das Minimalhaus wurden konzipiert für eine wachsende Nachfrage nach nachhaltigen
und flexiblen urbanen Lebensräumen. Der Produktentwicklung und dem Vertrieb von CABIN SPACEY liegt ein neuartiges Verständnis von Wohnen zugrunde: „Living as a service“. Der Bewohner soll alles vorfinden können, was er benötigt, aber ohne sich binden zu müssen.

Für welche Bedürfnisse wird dieses Produkt entwickelt?
Besonders die Generation der sogenannten Millennials hat einen Paradigmenwechsel im Arbeiten und Leben herbeigeführt. Besitz spielt eine deutlich geringere Rolle – Flexibilität, vielfältige Erfahrungen und Beweglichkeit sind wichtiger geworden. Mit unseren Minimalhäusern reagieren wir auf die wachsende Nachfrage nach nachhaltigen und äußerst flexiblen urbanen Lebensräumen.
Auf etwas mehr als 25 Quadratmetern bietet die kleinste Einheit Platz für 2 Personen. Für urbane Nomaden ist das Minimalhaus die perfekte Wahl: Es ist einfach zu transportieren, einfach zu installieren und leicht an bestehende Versorgungseinrichtungen und Infrastrukturen anzuschließen, sei es für freie Dächer, Brachflächen oder Parkplätze. Gleichzeitig wird die Wohnungssituation in Großstädten immer prekärer. Gerade in Berlin spitzt sich die Lage zu. Unser Ziel ist es daher, unangetastetes Potenzial zu erschließen. Laut einer Studie der TU Darmstadt aus dem Jahr 2016 bietet bspw. Berlin Raum für ca. 55.000 Wohnungen à 75 Quadratmeter auf Dachflächen.

Schlagen wir die Brücke zur Architektur: Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Bau des Prototyps gewonnen? Mussten Sie in der Realisierung vom Entwurf abweichen?
Im Grunde kann man das erste Minimalhaus nicht als Prototyp bezeichnen – es ist eher die S-Klasse des zukünftigen Portfolios, das wir uns vorstellen. Das Minimalhaus ist mit allem ausgestattet, was wir an Optionen geplant haben. Alles funktioniert, nichts wurde zu Präsentationszwecken nur scheinbar aufgebaut. Es wäre also, vom Installationsplatz abgesehen, sofort bezugsbereit.
Was den Baukörper angeht, sind wir konzeptionell vom Entwurf kaum abgewichen. Gemeinsam mit dem Hersteller VARIAHOME haben wir uns in der praktischen Umsetzung eng und lange abgestimmt, bis wir ein Ergebnis erzielt hatten, mit dem alle zufrieden waren. Teilweise mussten wir dafür den Raum neu denken, um das Konzept zu wahren. Unterm Strich war die Sorge, Abstriche innerhalb des Wohnraums machen zu müssen, aber unberechtigt, da es sich im Nachhinein als Vorteil  herausgestellt hat. Da hat sich unser Hersteller als sehr kommunikationsfreudig und lösungsorientiert erwiesen. Handwerkliches Geschick und Erfahrung, die der Betrieb mit sich bringt, haben ihr Übriges getan.

Welche Ausstattung sieht das Grundmodell vor?
Grundsätzlich sieht der Aufbau aller Modulhäuser gleich aus. Die Cabin besteht aus einer Außenhülle und einer inneren Versorgungseinheit mit einem Badezimmer, einem Bett und einer Küchenzeile. Die Hülle wird komplett aus Vollholz gefertigt, mit einer Holzfaserdämmung und hinterlüfteter Fassade. Passend zum vorvergrauten  Fassadenholz wird für das Dach Zink verwendet. Auf dem Dach wird zudem eine PV-Anlage installiert, die bis zu 60 Prozent des Strombedarfs decken kann.

(li.) Dank des Satteldachs und einem Dachfenster ist das Raumgefühl des kleinen Bads sehr großzügig.
(re.) Im Wohnraum finden vier Personen am Tisch Platz. Die Sitzbank vor dem Giebelfenster bietet Stauraum. Das Satteldach wurde über dem 1,60-m-Bett zentriert, um diesen Platz als „Kommandozentrale“ zu konzipieren. In der Küche sind Waschmaschine, Geschirrspüler, Kühlschrank, Kochplatte und Kaffeemaschine vorinstalliert.

 

PETER BENDER UND FLORIAN KRIEGER / HOMERUN, Mannheim

Mitten in Mannheim im Stadtteil Neckarstadt-Ost entsteht auf der Konversionsfläche der ehemaligen Kaserne „Turley Barracks“ das Wohnquartier HOMERUN. Im Jahr 2007 wurde das 24.081 m² große Areal zur zivilen Nutzung geräumt, zuvor wohnten hier amerikanische Soldaten der US-Garnison Mannheim. Gemeinsam konzipierten die Architekten Peter Bender / Motorlab Architekten aus Mannheim und Florian Krieger aus Darmstadt vier Gebäudetypologien, die auf dem Grundsatz des Quadrats beruhen. In vier Bauabschnitten werden rund 200 hochwertige Wohneinheiten mit Wohnflächen von ca. 56 m² bis ca. 160 m² entstehen. Für den ersten Bauabschnitt, im Frühjahr 2017 fertiggestellt, wurde HOMERUN die Hugo-Häring-Auszeichnung des BDA Baden-Württemberg verliehen.
Ein Gespräch mit den Architekten Peter Bender und Florian Krieger.

Peter Bender studierte Architektur an der TU Darmstadt (Diplom 1998) und arbeitete u. a. für das Büro Prof. Pfeiffer, Lörrach, und Planquadrat in Darmstadt, bis er im Jahr 1996 sein eigenes Büro motorplan gründetet. 2004 rief er zusammen mit der Innenarchitektin Sophie Dickler das Büro Motorlab Architekten in Mannheim ins Leben, das sich aus einem Team von Architekten, Stadtplanern, Innenarchitekten und Designern zusammensetzt. Von 2004 bis 2005 hatte Peter Bender zudem einen freien Lehrauftrag an der TU Darmstadt inne.
Florian Krieger studierte Soziologie an der Università degli Studi, Bologna, sowie Architektur an der TU Darmstadt (Diplom 2000) und ETSA in Madrid (Jahresstipendium des DAAD). Er war u. a. bei PAS-Jourdan&Müller, Frankfurt a. M. und Stadtbauplan, Darmstadt, tätig, bis er sich im Jahr 2001 selbstständig machte. 2003 gründete er sein Büro florian krieger – architektur und städtebau, Darmstadt. Parallel war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Entwerfen und Grundlagen der Hochbaukonstruktion bei Prof. Lorch an der TU Darmstadt, wo er von 2005 bis 2006 auch einen Lehrauftrag hatte. 2007 wurde er in den Gründungskonvent der Bundesstiftung Baukultur berufen.

Herr Bender, Herr Krieger, wie kamen Sie zu diesem Auftrag?
PB: Wir beschäftigen uns aufgrund unserer räumlichen Nähe schon seit mehreren Jahren auch initiativ mit dem Thema Konversion in Mannheim. Im Sommer 2012 hatten wir bereits eine Vorstudie für das Gebiet im Auftrag der späteren Bauherren erarbeitet. Da lag es mehr als nahe, auch am Investorenauswahlverfahren der Stadt Mannheim gemeinsam mit unserem Partnerbüro aus Darmstadt teilzunehmen.
FK: Wir bringen vor allem das Know-how für großmaßstäblichen Wohnungs- und Städtebau mit, da wir ähnliche Größenordnungen und gebäudetypologische Mischungen auf Konversionsflächen schon realisiert haben. Letztlich ergab sich die Zusammenarbeit unserer beiden Architekturbüros dann aus den sich ergänzenden Kompetenzen, ähnlichen konzeptionellen Herangehensweisen und einer bereits erprobten Kooperationsfähigkeit. Wir kennen uns ja schon eine lange Zeit seit unserem Studium an der TU Darmstadt.

Vor welcher Aufgabe standen Sie?
PB: Im Investorenauswahlverfahren ging es zunächst mal um die Ausarbeitung eines städtebaulichen Bebauungskonzepts für das ehemalige amerikanische Kasernenareal „Turley Barracks”, um den Zuschlag für den Kauf des Grundstücks zu erhalten. Aufgabe war es, ein Konzept für ein neues Wohnquartier zu liefern.
FK: Es sollte ein urbanes Wohnquartier mit hoher Wohnbzw. Gestaltungsqualität, eigenem Charakter und hohem Identifikationsfaktor werden bei gleichzeitig starker Vernetzung mit dem Kontext und einer gewünschten sozialenDurchmischung. Es ging daher nicht nur um Geschosswohnungsbau sondern auch darum, mit Haustypen Familien ein Angebot in der Stadt zu machen.

Welche Gegebenheiten fanden Sie vor und mit welchem städtebaulichen Konzept antworteten Sie darauf?
PB: Das knapp 2,5 ha große Grundstück liegt nordöstlich der Mannheimer Kernstadt, der sogenannten Quadrate. Daraus haben wir das gestalterische Thema des neuen Quartiers abgeleitet.
FK: Die städtebauliche Systematik, die eben auf der geometrischen Grundform des Quadrates und einer einfachen Höhen-Tiefen-Relation beruht, sorgt für Zusammenhalt und Einheit der städtebaulichen Struktur. Das ist deshalb wichtig, weil sie von einer großen gebäudetypologischen Vielfalt geprägt ist: mit zwei- bis dreigeschossigen Hofund Reihenhaus-Clustern bis zu fünfgeschossigen sogenannten Quattrohäusern, Haus-im-Haus-Typologien und Geschosswohnungen in den turmartigen Punkthäusern. Je kompakter die Gebäude in der Grundfläche sind, desto höher werden sie ausgelegt.

Ringartig um die Gebäude liegende Vorgärten verleihen den Grundstücken den Charakter einer „grünen Insel“, ergänzt werden diese durch drei quartiersprägende Taschenparks.

Worauf legten Sie bei der Auswahl der Materialien im Innen- und Außenbereich besonderen Wert?
PB: Uns war es wichtig, die unterschiedlichen Haustypen zunächst über die Fassadengliederung gestalterisch zusammenzufassen: Die Farben der Fenster, der Brüstungselemente aus Streckmetall und der Alulamellen des Sonnenschutzes sind überall gleich und sorgen im Dialog mit den wechselnden monochrom erdig-sandigen Grautönen des Außenputzes für eine dezente visuelle Klammer. Als Analogie diente das Bild perforierter Findlinge auf einer obstbaumbestandenen Wiese.
FK: Bei der Fassadengestaltung haben wir die städtebauliche Figur der locker gesetzten Quadrate unterschiedlicher Größe aufgegriffen und zu einer perforierten Hülle gefügt, die sich gleichermaßen um Wohnräume und Loggien legt. Im Inneren gab es die Möglichkeit, im Bereich der Eingänge und Treppenhäuser durchaus kontrastierende Farbakzente zu setzen und farbige Bodenfliesen zu verwenden, die für die Bewohner einen entsprechenden Wiedererkennungswert ihres Hauses erzeugen.

Was empfanden Sie als größte Herausforderung?
PB: Projekte in dieser Größenordnung bringen gleich mehrere Herausforderungen mit sich. Zunächst war es anspruchsvoll, die anfangs lockerere räumliche Setzung des städtebaulichen Ansatzes aufgrund gestiegener ökonomischer Forderungen zu verdichten, ohne die angestrebte Qualität der fließenden Zwischenräume zu gefährden. Das zugrunde liegende Konzept des „Inselplans“ machte dies jedoch möglich.
FK: Es werden sehr unterschiedliche Gebäudetypen im Stadtraumzueinander in Beziehung gesetzt und bilden ein spannungsreiches, aber auch herausforderndes Höhenprofil. Enge und Weite, Höhe, Tiefe und Abstände der Gebäude zueinander müssen fein austariert werden. Die Vielfalt, die wir bereits in jeder Gebäudegruppe darstellen, muss dann durch eine Tiefgarage verknüpft werden.

Wie verläuft die Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber?
FK: Es ist ja ein großes Team, das da regelmäßig an einem Tisch sitzt und sich austauscht. Aber die Zusammenarbeit funktioniert gut und ist auch von Bauherrenseite kompetent besetzt. Uns eint das Ziel, Qualität herzustellen, bis ins Detail.
PB: Und schon das Zwischenergebnis lässt sich durchaus sehen. Der erste Bauabschnitt wurde aktuell mit einer Hugo-Häring- Auszeichnung des BDA Baden-Württemberg geadelt. An dieser Stelle gilt unser Dank natürlich besonders unseren eigenen Projektleiterinnen und -leitern, die eine hervorragende Arbeit leisten!

Wie kam das Quartier eigentlich zu seinem Namen?
PB: Ehrlich gesagt, ist das einer der Aspekte, zu dem wir Architekten wenig beigetragen haben. Hier haben die Bauherren bzw. deren begleitende Marketingprofis Kreativität bewiesen.
FK: Es handelt sich ja um eine ehemalige amerikanische Kaserne, auf der natürlich auch Baseball gespielt wurde; der Name ist also ein Wortspiel mit ein wenig historischem Bezug.

Herr Bender, Herr Krieger, herzlichen Dank für das Gespräch.

Lageplan o. M., Wettbewerbsstand 2013

 

WENCKE KATHARINA SCHOGER UND JOHANNES REUTER / Minimalhaus, Uckermark

Kein Gramm zu viel, jeden Zentimeter nutzen – die Planung von Kleinsthäusern erfordert Unnachgiebigkeit. Jedes Detail will durchdacht sein. Sie stellen die fundamentale Frage nach dem Nötigsten; aber auch nach dem Zusammenhang von Dichte und Weite, nach lebenswertem Raum. Der Zwang zur Kompaktheit bringt intelligente, kreative Lösungen hervor. Aufgrund des Wohnungsmangels werden die Minimalbauten zudem immer wieder als Alternative diskutiert. So oder so aber können sie dem Standard-Wohnungsbau eine Inspiration sein. Ein Gespräch mit Wencke Katharina Schoger und Johannes Reuter über ein eigenes Minimalhaus in der Uckermark.

Welche Idee stand am Anfang des Projekts?
Wir lieben die Herausforderung, auf geringer Fläche viel Raum zu entwickeln. Wie klein ist groß genug? Für zwei? Für vier? Und für zwei Gäste? Für Wochenenden? Für Wochen? Für Monate? Für Jahre? Genügt im Winter weniger, wenn sich im Sommer der Innenraum erweitern und vergrößern lässt? Eine Auseinandersetzung mit dem Archetypus einer Behausung. Klein und abstrakt entworfen, aber der menschlichen Wahrnehmung folgend: archaischer Zugang über eine Brücke, starker Rücken, große Augen – weiter Blickwinkel, Intimräume geschützt in erhöhter Lage, weites Schutzdach, gebaute Ruhe.

Johannes Reuter und Wencke Katharina Schoger arbeiten seit ihrer Studienzeit Ende der 1980er-Jahre im Sinne der ganzheitlichen Entwicklung von Architektur und Innenarchitektur zusammen. Ihr Berliner Büro Reuter Schoger, gegründet 2005, steht für eine besonders sensible Herangehensweise bei Bau- und Gestaltungsaufgaben: „Menschen möchten die Besonderheiten eines Ortes und ihre kreative Spiegelung in der Architektur erleben. So vermitteln sich Eindrücke, die tief genug sind, um zu Erinnerungen zu werden. Wenn wir diesen Bedürfnissen folgen, entstehen charaktervolle Räume, die Emotionen und Bindungen auslösen, die die Wahrnehmung beleben und die Kommunikation fördern. Dafür erfinden wir individuelle Gestaltungskonzepte und eigenständige Räume. Wir entwerfen Architektur und Innenarchitektur als Ganzheit, die besondere Kraft entfaltet, die konzentriert, erfüllt und belebt.“

Wie genau haben Sie den Grundriss dimensioniert bzw. in der begrenzten Fläche priorisiert?
Der Grundriss ist klar hypotaktisch gegliedert. Zwei winzige Schlafräume, kaum größer als ein Doppelbett, je eines zum Morgen und Abend. Eine WC- und eine Duschbadminiatur teilen sich die Mitte auf der erhöhten Eingangsebene. Von hier führen breite Stufen hinab in den Wohnraum. Dem menschlichen Blickfeld entsprechend, zugleich dem Verlauf der Sonne, ist der Raum hier in drei Richtungen verglast, vollkommen offen und doch beschützend durch die hohe Rückwand und ein weit auskragendes Dach.

Wie lassen sich die Sanitärräume dabei am besten integrieren?
Hintereinander gestaffelt, sind sie beide von Tageslicht durchströmt, das WC direkt an der Außenwand, das Duschbad innenliegend daran anschließend durch eine transluzente Glaswand zum vorgelagerten WC. Die Raumabmessungen sind auf den Laib geschneidert und durch die Trennung der Sanitärfunktionen doch großzügig.

Was war die größte Herausforderung in der Planung?
Das Formen der Raumstruktur für die Handlungs- und Funktionsdichte; die Konzentration allen Flächenbedarfs für Konstruktionen, Leitungen, Querungen; mit Bedacht jeden Zentimeter nutzen. Erst nach geduldiger planerischer Konzentration erscheint das Haus am Ende wieder klar und einfach.

Wie lässt sich die Raumausnutzung optimieren?
Die geringe Hausgröße von 60 Quadratmetern relativiert sich durch großflächige Verglasungen zur umlaufenden Terrasse sowie durch kleine, leichte Möbel und die Wandelbarkeit der Einbauten, die sich ebenso wie das Haus vergrößern und verkleinern lassen. Die Strukturierung in zwei Ebenen ist reizvoll. Die dreiseitige Glasfassade hat breite Schiebetüren, die im Sommer den Raum bis in die Natur hinaus aufweiten, die begrenzte Nutzfläche auflösen – Freiheit und Leichtigkeit prägen das Lebensgefühl.

Die Einrichtung ist schlicht und reduziert – es gibt keine großen Schränke. Wie haben Sie Stauraum integriert?
Das Minimalhaus, ohne Keller, hat auf ganzer Länge einen Höhenversatz, der unter sich und seinen Sitzstufen allerlei Stauraum bietet. Tiefe Schubkästen und ein drittes Doppelbett lassen sich darunterrollen, Vorräte können kühl gelagert werden. Die breite Treppe ist ausfahrbar, um weiteren Stauraum zu erreichen. Flache Einbauten über den Auszügen öffnen sich mit Klappen auf zwei Höhen als Schreibtische und Stehtische, in der Küche als zusätzliche Arbeitsflächen. Betten und Beistellmöbel sind in einfachster Bauweise aus Dreischichtplatten gefertigt. Der Stauraum genügt dem Wichtigen, alles andere ist entbehrlich.

Stauraum entsteht durch einen Höhenversatz auf voller Länge des Hauses. Tiefe Schubkästen und ein drittes Doppelbett lassen sich darunterrollen, Vorräte können kühl gelagert werden. Die breite Treppe ist ausfahrbar, um weiteren Stauraum zu erhalten.

Wie sieht die technische Ausstattung aus?
Das Haus ist sehr gut gedämmt, die Glasfassade dreischichtig ausgeführt. Im Winter von der Sonne beheizt, genügt im Übrigen ein Kaminofen. Die unterseitig gedämmte Stahlbeton-Bodenplatte speichert Wärme oder Kühle. Im Sommer schützt die weit auskragende Dachplatte vor zu viel Sonne. Besonderen Reiz bieten Außenvorhänge, die die gesamte Terrasse umhüllen können und den so verschatteten Innenraum aufweiten. Welche Materialien haben Sie ausgewählt? Auf der Erde ruht eine Betonplatte, darauf steht die leichte Holzkonstruktion, Innenwandflächen sind mit atmendem und transpirierendem Lehm verputzt. Boden-, Wandflächen und Waschtisch im Duschbad aus rauem Muschelkalk; Wandarmaturen sparen zusätzlich etwas Fläche. Robiniendielen auf Terrassen, Böden und Treppen widerstehen mit ihrer Dichte und Härte der starken Belastung, die die Durchlässigkeit zwischen innen und außen mit sich bringt. Schubkästen und frei stehender Küchenblock sind aus demselben Holz. Die intensiven Rottöne der lebhaften Robinie bestimmen das Bild und werden durch Hellgrau, in den Schlafräumen durch den unbehandelten braunen Lehmfarbton ergänzt.

Haben Sie mit bestimmten spezialisierten Herstellern zusammengearbeitet (z. B. Vorfertigung)?
Der kompakte Entwurf wäre für eine Präfabrikation gut geeignet, zu Beginn erschien sie verlockend. Wir haben uns jedoch entschieden, mit regionalen Firmen zusammenzuarbeiten. Bauliche Raffinessen sind auf dem Land seltener erprobt und geübt, so ist das Haus eher einfach und vor Ort konstruiert.

Minimalhäuser haben in den letzten Jahren viel mediale Aufmerksamkeit erfahren und werden zum Teil als Lösung für die Wohnungsnot in Ballungsräumen diskutiert. Welches Potenzial trauen Sie den Kleinsthäusern zu?
Kleinsthäuser bergen die Gefahr, Raumgrößen einfach nur nach unten zu skalieren. Es bedarf jedoch im Ausgleich intelligenter Ideen, Licht, Luft und Ausblick, multifunktionaler Ausstattungen und Wandelbarkeit, Details, die wir gerne benutzen, Materialien, die wir gerne berühren. Kleiner Raum muss sich wie ein Bühnenbild ständig verformen lassen. Es ist ein ständiges Sichverhalten zum Raum, in seiner schnellen Bedienbarkeit sogar ein Geschenk an Zeit. Es gibt ungezählte frei gelassene Stellen in der Stadt, Übergangszonen, Restflächen, an denen wir uns kleine Häuser in ungewohnter, aber freier Weise gedacht, platziert, gebaut vorstellen können. Auch der Geschosswohnungsbau gewinnt in unseren Augen durch gezielte Konzentration des Raumes. Erst gegenüber wohldosierter facettenreicher Dichte wird Weite ein Genuss.

Robiniendielen auf Terrassen, Böden und Treppen widerstehen mit ihrer Dichte und Härte der starken Belastung, die die Durchlässigkeit zwischen innen und außen mit sich bringt.